Vernachlässigung und ihre Auswirkungen aus Sicht der Traumafolgen

Vernachlässigung und ihre Auswirkungen aus Sicht der Traumafolgen

Wenn ich von Vernachlässigung spreche, möchte ich zuerst auf die verschiedenen Formen von Vernachlässigung eingehen und sie kurz erläutern. Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen körperlicher und emotionaler Vernachlässigung.

Körperliche Vernachlässigung

Die körperliche Vernachlässigung umfasst Situationen, in denen grundlegende Bedürfnisse von Menschen, in meinem beruflichen Kontext von Kindern, in ihrer Kindheit nicht ausreichend erfüllt wurden. Dazu zählen unzureichende oder unregelmässige Mahlzeiten, eine ungesunde Ernährung, das Fehlen von angemessener Kleidung, eines sicheren Schlafplatzes oder eine mangelhafte zahnmedizinische oder medizinische Versorgung. Auch fehlende Körperhygiene, Beaufsichtigung und Betreuung sind Formen körperlicher Vernachlässigung.

Emotionale Vernachlässigung

Neben der körperlichen gibt es die psychische oder emotionale Vernachlässigung. Bei dieser Form fehlt dem Kind ein angemessenes emotionales Gegenüber: Ein Kind wird in seinen Emotionen nicht bestätigt. Häufig fehlt auch eine altersgerechte intellektuelle Stimulierung. Es gibt keine Atmosphäre von Geborgenheit, und die Akzeptanz des kindlichen Wesens bleibt aus. Das wirkt sich nachhaltig auf das Selbstwertgefühl aus.

Emotionale Vernachlässigung ist kein Zeichen von Liebesmangel. Sie passiert oft unbeabsichtigt: aus Überforderung, Stress oder weil Bezugspersonen selbst stark belastet sind. Sie sind mit anderen Dingen beschäftigt und haben deshalb weder Zeit noch Zugang zu den emotionalen Bedürfnissen des Kindes. Häufig haben die Eltern selbst nie gelernt, mit Emotionen umzugehen.

Emotionale Vernachlässigung nach Dr. Jonice Webb

In ihrem Konzept der Childhood Emotional Neglect beschreibt Dr. Jonice Webb emotionale Vernachlässigung sehr präzise. Für die amerikanische Psychologin ist der zentrale Punkt nicht das, was passiert ist, sondern das, was nicht passiert ist: Die Gefühle eines Kindes werden nicht wahrgenommen, nicht gespiegelt oder nicht ernst genommen. Eltern reagieren wenig oder gar nicht auf Emotionen wie Traurigkeit, Wut, Angst oder Freude. Dadurch lernt das Kind nicht, Gefühle zu benennen, zu verstehen und zu regulieren.

Wenn sich Vernachlässigung «normal» anfühlt

Für vernachlässigte Kinder fühlt es sich oft normal an, schlecht behandelt zu werden, auch wenn sie darunter leiden. Es entsteht eine selbstverständliche innere Erwartung, so behandelt zu werden, in Sinne von: «Ich habe es nicht anders verdient.»

Häufig fehlt Betroffenen auch eine Vergleichsmöglichkeit. Sie wissen nicht, wie es in anderen Familien zu und her geht und wie dort mit Kindern umgegangen wird. Dadurch bleibt die eigene Erfahrung lange unbenannt und schwer greifbar.

Gefühle als erste Sprache

Gefühle sind die allererste Sprache, die wir erlernen. Lange bevor wir sprechen können, reagieren wir auf ein Lächeln, auf beruhigende Worte, einen genervten Gesichtsausdruck oder eine liebevolle Berührung. Unser Nervensystem nimmt diese Signale auf und formt daraus erste innere Landkarten von Beziehung und Sicherheit.

Emotionen, Bindung und frühe Prägung

Wie stark unser Leben von der Kindheit geprägt wird, ist mittlerweile weit bekannt. Die Forschung geht davon aus, dass besonders die ersten tausend Tage nach der Konzeption (Empfängnis) prägend sind. Die Zeit vor der Geburt und die ersten zwei Lebensjahre haben grossen Einfluss auf unsere weitere Entwicklung.

In den ersten Monaten unseres Lebens entwickelt sich eine Grundstimmung für das emotionale Klima im Elternhaus. Ist es wohlwollend, ablehnend oder verachtend? Wenn die Eltern oder andere Bezugspersonen feinfühlig und liebevoll mit dem Kind umgehen, stärken sie sein Urvertrauen. Dieses Vertrauen ermöglicht es dem Kind, nicht in Panik zu geraten, wenn die Mutter oder der Vater einmal nicht in Reichweite sind. Dank dieses Urvertrauens kann ein kurzzeitiges Wegsein reguliert werden.

Typische Formen emotionaler Vernachlässigung nach Dr. Webb

Dr. Jonice Webb beschreibt emotionale Vernachlässigung häufig in Familien, in denen Eltern sich stark um Leistung, Verhalten oder Regeln kümmern. Das Kind soll funktionieren, sich anpassen und Erwartungen erfüllen. Fühlen darf es dabei wenig oder gar nicht. Typisch ist, dass Gefühle übergangen oder relativiert werden, etwa mit Sätzen wie «Ist doch nicht so schlimm». Oder sie werden abgewertet, zum Beispiel durch Aufforderungen «Reiss dich zusammen!». Auf diese Weise lernt das Kind, dass seine inneren Erfahrungen in der Familie keinen Platz haben.

Emotionale Vernachlässigung und ihre Folgen im Erwachsenenalter

Sämtliche Erfahrungen, die wir vor dem dritten Lebensjahr machen, werden im unbewussten Gedächtnis gespeichert. Auch wenn wir keine bewussten Erinnerungen daran haben, sind sie im Körpergedächtnis verankert. Der Körper erinnert sich.

Etwa ab dem fünften Lebensjahr entwickeln sich bewusste Erinnerungen. Um sich zu schützen, kann es sein, dass Kinder belastende Erfahrungen uminterpretieren oder verdrängen. Viele Kinder nehmen ihre Eltern in Schutz oder geben sich selbst die Schuld. Emotionale Vernachlässigung brennt sich tief ins System ein und beeinflusst Denken, Fühlen und Verhalten.

Mögliche Folgen emotionaler Vernachlässigung

Häufig zeigt sich ein grundlegendes Gefühl von Unwohlsein und Unsicherheit. Betroffenen fällt es schwer, sich auf andere Menschen einzulassen, oder sie haben Angst davor. Der Umgang mit sich selbst ist oft stark abwertend, begleitet von Scham und Selbstkritik. Manche Menschen fühlen sich abgeschnitten oder taub gegenüber den eigenen Gefühlen. Andere haben Schwierigkeiten, Emotionen auszudrücken oder zu regulieren, was sich etwa in wiederkehrenden Wutausbrüchen zeigt. Dies führt zu schneller Überforderung und macht Beziehungen bedrohlich. Sich tief einzulassen, ist für viele Betroffene sehr schwierig bis kaum möglich. Diese Aufzählung ist nicht vollständig, sie dient als grober Überblick.

Zentrale Botschaften von Dr. Jonice Webb

Emotionale Vernachlässigung ist real, auch wenn sie oft unsichtbar bleibt. Ihre Folgen sind erklärbar und veränderbar. Gefühle sind nichts Angeborenes, das entweder vorhanden ist oder fehlt, sie sind erlernbar, auch später im Leben. Heilung beginnt dort, wo eigene Emotionen wahrgenommen werden. Mit der Erlaubnis, Gefühle zu haben. Und mit Selbstmitgefühl statt Selbstkritik.

Was möglich ist

Mein zentraler Ansatz ist es, dein Gefühl von Sicherheit zu stärken und dir zu vermitteln: So wie du bist, bist du richtig. Tief eingeprägte Muster von Selbstverurteilung, die über Jahre entstanden sind, können Schritt für Schritt verändert werden. Dieser Prozess geschieht über Regulation und Co-Regulation im Nervensystem.

Sicherheit ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis und wesentlich für eine gesunde Entwicklung. Was damals aufgrund der Umstände nicht möglich war, kann im Jetzt nachgeholt werden. Daraus kann eine andere Lebensqualität entstehen, genährt von Sicherheit, Vertrauen und wachsender Selbstwirksamkeit.