Warum uns das Hamsterrad krank macht
Ich beleuchte die Thematik aus zwei unterschiedlichen Richtungen.
Der Soziologe Hartmut Rosa schaut das Phänomen aus gesellschaftlicher Perspektive an und nennt es den «rasenden Stillstand». Der Mediziner Hans Selye, auch als «Vater der Stressforschung» bekannt, erklärt die biologischen Abläufe im Körper und spricht von der «Tretmühle des Alltags».
Man könnte auch sagen: Hartmut Rosa beschreibt, was von aussen auf uns einwirkt, während Hans Selye erklärt, was Dauerstress hormonell in unserem Körper auslöst.
Vielleicht kennst du das Gefühl: Am Morgen läutet der Wecker und obwohl du erst am Aufwachen bist, rattert im Kopf bereits die To-do-Liste. Du rennst durch den Tag, koordinierst Termine, managst Beruf, Familie, Gesundheit, Freizeit und emotionale Herausforderungen. Du tust alles, um dein Leben perfekt im Griff zu haben.
Und dann, am Ende des Tages, wenn der Tank leer ist, fühlt es sich an, als wärst du kilometerweit gerannt. Doch obschon du körperlich und mental erschöpft bist, scheinst du keinen Millimeter vom Fleck gekommen zu sein.
Willkommen im Hamsterrad
Dieses Gefühl ist weder Einbildung noch persönliches Versagen. Es ist ein Zusammenspiel aus gesellschaftlichem Druck und einer biologischen Urzeitreaktion.
Warum viele Frauen ständig rennen, ohne anzukommen
Zuallererst möchte ich darauf eingehen, wieso Frauen häufiger davon betroffen sind. Dafür betrachten wir das Konzept des Mental Load, also der mentalen Last.
Wir reden ab und zu über Multitasking, vor allem im Kontext mit dem Beruf. Für viele Frauen bedeutet Multitasking jedoch lebenslanges Jonglieren. Denn es gilt, gleichzeitig die verschiedenen Lebensbereiche zu organisieren, alles unter einen Hut zu bringen: Beruf, Haushalt, Kinderbetreuung, Kochen, Einkaufen und all die praktischen Aufgaben des Alltags.
Hinzu kommt die unsichtbare Organisationsarbeit: das Geschenk für die Schwiegermutter besorgen, Bekannten zum Geburtstag gratulieren, Einladungen planen, mit Freunden abmachen – und für die Kinder nicht nur physisch, sondern auch emotional verfügbar sein.
Mir ist wichtig zu betonen, dass es völlig in Ordnung ist, wenn Frauen mit Kindern berufstätig sein möchten. Es geht mir nicht um ein Entweder-oder. Ich möchte vielmehr aufzeigen, dass Care-Arbeit seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten den Frauen übertragen wurde. Die Gesellschaft hat diese in den meisten Fällen unbezahlten Dienstleistungen gern genommen.
Der Zustand des Hamsterrads entsteht durch permanente kognitive und physische Getriebenheit. Die Zeit reicht nie. So verschieben sich die Aufgaben von einem Tag auf den nächsten.
Lange tat man dieses Problem als individuelle Schwäche ab. Die Frau bekam zu hören: «Du musst dich besser organisieren, Prioritäten setzen, delegieren lernen.» Das greift jedoch zu kurz. Die moderne Frau kann in der Regel ein gutes Zeitmanagement aufstellen. Was Diskrepanz hervorruft, sind die vielen Mikroverantwortlichkeiten, dieses dauernde «An alles denken müssen».
Typische Anzeichen des Hamsterrads
- Du bist chronisch müde, obwohl du genügend geschlafen hast.
- Du wachst erschöpft auf und hast das Gefühl, dein Kopf habe die ganze Nacht gerattert.
- Gedankliches Dauerrauschen. Die berühmte To-do-Liste läuft ununterbrochen weiter.
- Du bist gereizter und dünnhäutiger. Bereits kleine Änderungen in der Tagesplanung können emotionale Ausbrüche auslösen.
- Der Zugang zu deiner Intuition und Kreativität ist verlorengegangen. Du funktionierst wie ein Roboter.
- Körperliche Signale wie Nackenverspannungen, häufige Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Magenbeschwerden und viele weitere Symptome.
Hartmut Rosa: Wenn Verfügbarkeit zur Belastung wird
Hartmut Rosa schreibt über die Unverfügbarkeit und kritisiert die moderne Lebensweise. Er zeigt auf, dass heute möglichst alles immer verfügbar sein muss. Verfügbar bedeutet für ihn: erfassbar, berechenbar, kontrollierbar, technisch beherrschbar und nutzbar.
Diese Verfügbarmachung beruht laut Rosa auf vier Dimensionen:
Sichtbar machen: Alles wird erforscht, vermessen und durch Daten analysiert, beispielsweise durch Wissenschaft, Algorithmen und Tracking-Apps.
Erreichbar machen: Orte, Menschen und Informationen müssen jederzeit physisch und digital zugänglich sein. Wir alle haben unser Smartphone immer dabei.
Beherrschbar machen: Prozesse in Natur, Wirtschaft und Gesellschaft werden technisiert und administrativ geregelt, um Risiken zu minimieren.
Nutzbar machen: Die Welt wird zur Ressource, die man optimieren und für den eigenen Vorteil einsetzen kann. Unsere Arbeit soll effizient sein und unser Körper optimiert.
Darin liegt ein Paradoxon.
Je verfügbarer wir die Welt machen, desto entfremdeter und stummer wird sie für uns. Wir verlieren uns selbst und sind nicht mehr verbunden mit der Welt, mit der Natur, mit anderen Menschen. Dadurch entstehen Sinnleere und Frustration. Wenn alles durchgeplant, berechenbar und kontrollierbar ist, verliert die Welt ihren Zauber. Sie kann uns nicht mehr berühren oder überraschen.
Hans Selye: Der Körper kennt nur Stress
Hans Selye beschreibt in seinem Buch «Stress beherrscht unser Leben» genau diesen Zustand, in dem Menschen ständig rennen, ohne wirklich anzukommen. Er liefert dafür eine evolutionäre und medizinische Erklärung.
Viele Menschen befinden sich in einer Dauerschleife aus Aktivitäten. Sie reagieren nur noch auf Anforderungen von aussen. Arbeit, Verpflichtungen und die To-do-Liste bestimmen den Alltag, ohne dass ein übergeordnetes, sinnstiftendes Ziel dahintersteht. Selye vergleicht dies mit einem Versuchstier, das vor Elektroschocks flieht. Es rennt nicht, weil es irgendwohin möchte, sondern weil es vor etwas wegläuft. Er bezeichnet dies als die biologische Form des Hamsterrads. Ein Teil von uns reagiert wie einst unsere Vorfahren mit dem Flucht- und Abwehrmechanismus, als müssten wir vor einem Säbelzahntiger davonrennen.
Ein weiterer Aspekt ist die Gewöhnung an den Dauerstress. Unter chronischem Stress schüttet der Körper fortlaufend Cortisol und Adrenalin aus. Wir sind hyperaktiv und produktiv. Man hat das Gefühl: «Das packe ich alles.» Hält dieser Zustand jedoch über längere Zeit an, gewöhnt sich der Körper daran und fordert immer mehr davon. Es kommt zu einer Sucht nach diesen Stresshormonen.
Wenn der Stress dann plötzlich wegfällt, beispielsweise in den Ferien oder am Wochenende, kann das zu körperlichen Entzugserscheinungen führen. Manche Menschen werden unruhig, leiden unter Kopfschmerzen oder depressiven Verstimmungen.
Weil dieser Zustand häufig über viele Jahre besteht, kann der Eindruck entstehen, dass er normal sei, obwohl es sich unwohl anfühlt.
Wie es gelingt, die Bremse zu finden
Hier einige einfache Möglichkeiten für eine Verschnaufpause im Hamsterrad – und um herauszufinden, welches tiefere Bedürfnis hinter deinem Dauerstress steckt.
- Plane Unterbrechungen in deinen Tagen ein. Stell den Wecker und mach bei jedem Signal eine Pause. Lass alles stehen und liegen, auch wenn es nur für fünf Minuten ist.
- Atme mehrmals täglich ganz bewusst ein und etwas länger aus. Das hilft, dein Nervensystem zu regulieren und du lernst, wie sich Ruhe anfühlt.
- Geh täglich in den Wald oder in die Natur. Zügiges Gehen hilft, Stresshormone abzubauen, und lässt den Kopf zur Ruhe kommen.
- Schaffe dir Zeiträume ohne Handy. Beginne mit kurzen Detox-Zeiten, damit das Nichterreichbarsein keinen weiteren Stress auslöst.
- Reflektiere für dich: Was gewinne ich, wenn ich mich weiterhin im Hamsterrad aufhalte? Gibt mir dieses Funktionieren Anerkennung, Sicherheit oder das Gefühl, gebraucht zu werden? Warum halte ich daran fest?
